Dezember 1979: Mein Vater baut am Küchentisch ein Nikolohaus aus Holz und ich helfe mit.
Während ich die Holzplatte „halte“ (natürlich ist sie mit Schraubzwingen fixiert J), beobachte ich ganz genau, wie sich das Laubsägeblatt im Holz auf und ab bewegt, wie die Sägespäne beim Sägen lustig auf und ab hüpfen und wie letztlich ein Stück Holz auf den Boden fällt.

Ich bin knapp zwei Jahre alt und man könnte laut ausrufen „Das ist ja viel zu gefährlich, was ist, wenn…!“,
aber mit einer Selbstverständlichkeit und einer Prise Stolz lässt mich mein Vater an seinen Heimwerkeraktivitäten teilhaben.
Er vertraut  mir „echtes“ Werkzeug an, mit denen ich genauso selbstverständlich mein Dreirad und meinen Puppenwagen repariere.

Für diese Selbstverständlichkeit bin ich ihm sehr dankbar, denn ich habe dadurch ganz viel gelernt.

Als wir wenige Jahre später in ein Haus übersiedeln, richtet er im Keller eine kleine feine Werkstatt ein. Nicht groß, aber ein Paradies für mich.

Vor dem Betreten der Werkstatt schlüpfe ich in feste Schuhe („zum Werken braucht man g´scheite Schuhe, damit man nicht auf einen Nagel steigt oder einem etwas auf die Füße fällt“), obwohl ich sonst am liebsten barfuß oder in Socken die Kellerstufen runterlaufe, um etwas zu holen.
Außerdem ziehe ich ein altes Hemd oder einen ausrangierten Lagerhausmantel meines Vaters an, um meine Kleidung zu schützen. Ich muss die Ärmel zigmal aufkrempeln, weil sie mir sonst bis zu den Knien reichen und Spuren von Farbe, Leim und Holzspänen zeugen vom häufigen Einsatz des Arbeitsgewandes.  Das wurde  auch nicht so oft gewaschen und deswegen liegt so ein latenter Geruch von Schweiß in der Luft.  Der wird aber diskret überdeckt vom Geruch nach Holz und Leim, Metall und Schmierfett, Lack und Terpentin. Und am ersten Tag der Heizsaison nach verbranntem Lurch, der sich über den Sommer im Heizstrahler abgesetzt hat. Eine Leuchtstoffröhre und eine mobile Werkstattlampe werfen ihr Licht auf all die Schätze, die in diesem kleinen Raum auf HeimwerkerInnenherzen und –hände warten:

Eine massive Werkbank mit Schraubstock, die  fast die ganze Länge der Werkstatt einnimmt. Darüber an einer Lochwand fein säuberlich sortiert Hämmer, Zangen, Schraubenzieher, Zollstock, Zimmermannbleistifte ( die mein Vater immer mit einem Messer anspitzte), Stanleymesser, Gabelschlüssel, Ringschlüssel, Bohrer, Sägen, Schraubzwingen, Wasserwaage, Winkel, Feilen, Raspeln …. und sorgfältig beschriftete Ordnungsboxen mit Dübeln, Schrauben, Nägeln, Muttern, Beilagscheiben und anderen Kleinteilen jeglicher Dimension. An der Breitseite gegenüber des Eingangs biegen sich die Regale unter dem Gewicht verschiedener größerer Werkzeuge (Bohrmaschinen, Schleifgeräte, Hobel, Gehrungslade, Stichsäge, ….), zusätzlicher Werkzeugkisten und Kleinteilaufbewahrungen.  Lacke, Terpentin, Leim, Öle, Klebebänder, Drähte und allerlei andere Dinge stapeln sich dort.  In verschiedenen Kisten und Boxen sind Holzreste, Leisten, Platten und andere Werkmaterialien verstaut.

In dieser Werkstatt bauen wir gemeinsam Puppenmöbel (z.B. einen Kleiderschrank inkl. Kleiderbügel, ein Bett mit herausnehmbarem Lattenrost, …), Zubehör für die Eisenbahn, wir basteln kleine Geschenke (ich erinnere mich an  einen Schlüsselanhänger in Form einer Schildkröte, den ich meiner Oma geschenkt habe), wir reparieren Spielzeug, renovieren alte Möbel… .

Gemeinsam tüfteln wir, wie wir unsere Vorstellungen umsetzen können. Wenn mein Vater eine zündende Idee hatte, funkelten seine Augen und er rief
„Ha!, Ich hab da was“. Er schmunzelte verschmitzt, kramte in einer Kiste oder Lade und zauberte ein passendes Werkzeug oder Material hervor. Die Werkstatt war fast wie eine große Mary Poppins -Tasche.

schatzkiste_magenta Dezember 2009.

Unter dem Weihnachtsbaum steht eine Schatzkiste, die mein Vater in liebevoller Kleinarbeit für mein Atelier gebaut hat.
Die ist bis heute ein Magnet für meine kleinen und großen BesucherInnen.

„Was ist da drin?“ , werde ich regelmäßig gefragt.
Was glaubst Du?

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Ich weiss, dass neben den realen Dingen, die darin aufbewahrt sind, ganz viele schöne Erinnerungen, ein reicher Erfahrungsschatz an handwerklichem Wissen und eine große Portion Liebe drinstecken.

liebe Grüße,
Melanie