Freiheit braucht Grenzen. Auch wenn wir beim Begriff Kreativität sofort an grenzenlose Freiheit denken, ist genau das Gegenteil der Fall. Kreativität entfaltet sich am besten innerhalb sicherer Grenzen. Das gilt auch für physischen Raum. Wenn wir sichere Häfen schaffen, in denen Kinder träumen und spielen können, Unordnung machen können und auch wieder Ordnung J, dann lehren wir sie Respekt vor sich selbst und anderen und die Freude an einer einladenden Umgebung.

Struktur

Im Anspruch, unsere Kinder möglichst gut zu fördern und ihnen alle Möglichkeiten zu bieten, überfordern wir sie mit zuviel Programm. Und die Möglichkeiten sind heutzutage fast unendlich. Es gibt Kurse und Aktivitäten für alle Bereiche und Altersgruppen. Doch ideal ist eine gute Mischung aus geplanter und ungeplanter Zeit. Ein sinnvoller Tagesplan mit fixen Zeiten für bestimmte Aktivitäten kann Struktur geben. Und doch sollte genug Zeit und Spielraum für spontane Aktivitäten, für Pausen und Ruhezeiten vorhanden sein.

Wenn Kinder dauerbespaßt werden und von einem Angebot zum nächsten gebracht werden, entwickeln sich Kinder, die immer auf Inputs von außen warten anstatt eigene Ideen zu kreieren. Anfangs rebellieren sie vielleicht noch gegen dieses Zuviel an Angebot, bis sie irgendwann resignieren und sich damit abfinden, dass andere ihnen sagen, was sie tun sollen.

Ich erinnere mich noch an eine Situation, als ich mit einer Kindergruppe im Kindermuseum Schönbrunn war. Die Führung dauerte gerade mal eine Viertelstunde, als eine Oma neben mir zu ihrem Enkel sagte: „So, wir müssen jetzt weg, wir gehen ja noch zum Kasperl!“. Da frage ich mich schon, was das für einen Sinn hat.

Übung: Talente
Trotz aller Bemühungen, unseren Kindern Zugang zu Kreativität und anderen Werten zu geben, können wir nicht kontrollieren, wo ihre Talente und Interessen liegen. Wir müssen sie einfach darin bestärken, ihren Leidenschaften und Begeisterungen zu folgen.

Zähle 5 Deiner Talente auf:_____________________________________
Zähle 5 Talente Deines Kindes auf:_______________________________
Gibt es Gemeinsamkeiten? (Es ist okay, wenn nicht J)

Indem wir unsere Eigenschaften und die unseres Kindes ehrlich einschätzen und wahrnehmen, sehen wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Wir schätzen dadurch unsere Individualität und die unseres Kindes und können dem auch in unserer Tagesgestaltung gerecht werden.


Alles hat seinen Platz

Wir haben nicht immer den Platz, den wir gern hätten, dennoch können wir mit dem Raum, der zur Verfügung steht, gut haushalten. Unordnung lenkt ab und kann uns davon abhalten, kreativ zu werden. Also ist Ordnung schaffen der erste Schritt. Damit jedes Ding seinen Platz hat.
(Bei dem Kapitel von Camerons Buch hätte Marie Kondo wohl ihre Freude :-)).

Weil das in den meisten Fällen nicht so einfach ist, empfiehlt Cameron eine Methode, um in kurzer Zeit ziemlich effizient Ordnung zu schaffen: Eine Stoppuhr auf 15 Minuten stellen und in dieser Zeit gemeinsam möglichst viele Dinge wegzuschmeißen, in eine Verschenk-Box zu geben, an den richtigen Platz zu bringen,… . Man kann im Vorfeld Kisten vorbereiten mit den Etiketten „spenden/verschenken“, „wegschmeißen“,…

Wenn wir Platz schaffen im Außen, schaffen wir auch im Inneren Platz für Klarheit, Inspiration und Neues. Wenn wir respektvoll mit unseren Räumen umgehen, signalisieren wir auch Respekt für uns selbst.
Wenn wir ständig über die gleichen Sachen stolpern, die ohnehin nur ungenutzt herumliegen oder –stehen, zehrt das nicht nur an unseren Nerven.
Also lieber weniger (Spiel-)sachen, die dafür gern und oft genutzt werden.
Und Spielsachen lassen sich wunderbar in Boxen verstauen, in denen thematisch bestimmte Dinge ihren Platz finden, z.B. eine Box für Bausteine, eine Box für Musikinstrumente, eine Box für Bälle,… .
Das erleichtert dem Kind auch das Aufräumen, weil ein klares System vorhanden ist.
Auch beim Aufräumen kann man mit einem bestimmten Zeitlimit arbeiten, z.B. 1 Minute und in der Zeit sollen soviele Spielsachen wie möglich an ihren richtigen Platz geräumt werden.

Ich finde das Ordnung halten mit Kleinkind wirklich eine Herausforderung, auch wenn sich bei uns das System mit den Boxen für bestimmte Spielsachen bewährt hat, kommt man nicht umhin, immer wieder wegzuräumen, Dinge zu suchen und an ungewöhnlichen Orten wieder zu finden. Ja, Kinder haben einfach oft ihr eigenes Ordnungssystem 🙂
Und ich finde, es ist wichtig, eine Balance zu finden zwischen Ordnung halten und Unordnung aushalten. Denn wenn ich ständig nur am Räumen und Putzen bin, hat niemand einen Spaß an der Sache.

Ein eigener Raum

Schon Virginia Woolf plädierte dafür, dass jede Künstlerin und jeder Künstler ein  Zimmer für sich haben sollte. Nicht jeder hat diese Möglichkeit, doch oft ist auch ein kleiner Bereich in einem Raum, der dafür gewidmet werden kann, besser als gar kein Raum.

Cameron schreibt auch, dass es für Kinder wichtig ist, dass sie ihren eigenen Raum haben. Und wenn es nur eine liebevoll gestaltete Nische ist, die einen geschützten Rückzugsbereich für das Kind darstellt.

 

Sie beschreibt eine Frau, die sich über ihre schmutzige Terrasse, auf der so viele Sachen herumstehen, dass sie kaum zu benutzen ist, beklagt.
Cameron rät ihr, sich 15 Minuten Zeit zu nehmen, um die Terrasse auf Vordermann zu bringen. Die Frau beginnt, die Fliesen zu schrubben, die Möbel zu waschen und einen kleineren Tisch hinzustellen. Sie erzählt, dass sie in 15 Minuten mehr geschafft hat, als sie dachte und dass sie so erleichtert und glücklich war, als die Terrasse wieder einladend aussah. Sie war dadurch inspiriert und konnte an einem Buchprojekt weiterarbeiten.

Übung:
Finde in Deiner Wohnung/Deinem Haus einen Platz (und möge er noch so klein sein), den Du als „Kreativen Hafen“ nutzen kannst. Vielleicht findest Du sogar für jedes Familienmitglied einen Bereich. Es geht nicht um Größe, sondern um die Qualität, die liebevolle Gestaltung und die Achtsamkeit mit diesem Bereich.

Chaos

malkurs kleinkinderKinder lieben Chaos. Und es nötig, dass wir ihnen die Möglichkeit zum kreativen Chaos bieten. Das scheint ein Widerspruch zu dem oben beschriebenen zu sein, oder? Also was jetzt, Grenzen oder Chaos?
Wenn Kinder zu sehr kontrolliert werden, verlieren sie den Spaß am Spiel. Und Spiel ist oft mit Chaos verbunden. Und diesem Chaos Raum zu geben, kann sehr befreiend und lebendig sein.
Cameron schreibt über eine Frau, die in ein neues Haus eingezogen ist, das tip top sauber und ordentlich war. Sie hatte den Anspruch, diese Perfektion aufrechtzuerhalten, was auf Dauer sie selbst und ihre Familie frustrierte. Sie meckert mit ihrem Sohn, wenn er einen fettigen Handabdruck am Kühlschrank hinterliess und mit ihrem Mann, wenn er ein nasses Handtuch im Bad liegen ließ. Sie hatte das Gefühl, den ganzen Tag nur zu putzen und nichts mehr für sich selbst zu tun. Und genau so war es. Denn genau dieser Anspruch blockiert uns in unserem kreativem Denken und Tun. Wenn wir immer nur versuchen, vermeintliche Mängel (egal ob in unserer Wohnung, an unserem Körper,…) auszubessern und zu beseitigen, tun wir tatsächlich nichts mehr für uns. Und wenn wir unserer kreativen Ader keinen freien Lauf lassen können, dann macht das niedergeschlagen und unzufrieden.
Cameron hat der Frau eine Übung vorgeschlagen: Sie sollte 5 Sätze aufschreiben, die mit „Wenn es nicht zu chaotisch wäre, würde ich…“ beginnen.
Die Frau schrieb z.B. malen, meinem Sohn erlauben, mit Fingerfarben zu malen, meinem Mann erlauben, zu grillen, neue Pflanzen setzen,… . Und sie bemerkte, wieviele der Dinge, die ihr Freude bereiten, sie zugunsten der scheinbaren Perfektion aufgegeben hatte.
Als sie einige der Projekte umsetzte, merkte sie, dass es nicht so viel Chaos hinterließ, wie sie befürchtet hatte und es ihr einfach Spaß machte. Kinder machen die Erfahrung, dass es sich lohnt, Neues auszuprobieren. Und sie lernen, dass das Saubermachen danach genauso zu diesem Prozess des Experimentierens dazugehört.
Und genau deshalb ist das mit der Ordnung und dem Chaos kein Widerspruch, sondern nur Teil eines Kontinuums: Zuerst braucht es einen sicheren Rahmen, eine Ordnung, an dem alles seinen Platz hat. Dann kann ich spielen, auch wenn es dabei chaotisch wird. Und danach räume ich auf und schaffe wieder Ordnung. Bis zum nächsten Chaos :-).

Ich kenne das von meinem eigenen kreativen Prozess. Ich brauche ein gewisses System, damit ich Materialien und Werkzeuge finde, wenn ich sie brauche. Während dem kreativen Tun schaut mein Arbeitsplatz oft ziemlich wild aus, chaotisch eben. Und danach habe ich das Bedürfnis, alles wieder an seinen Platz zu räumen.
Auch in meinen Kreativkursen, egal ob für Kinder oder Erwachsene bereite ich die Umgebung einladend vor, alle Arbeitsmaterialien sind griffbereit oder an einem bestimmten Platz.

Deswegen macht es auch Sinn, einen permanenten Bereich für das kreative Tun zu schaffen, damit ich richtiggehend eingeladen werde, dort tätig zu werden. Es macht einen Unterschied, ob ich mich nur an einen vorbereiteten Platz setzen muss oder vorher noch den gesamten Küchentisch abräumen muss.
Und ich hab natürlich leicht reden, ich hab ein ganzes Atelier zur Verfügung :-), aber ich bin überzeugt, Du findest für Dein Zuhause auch eine Lösung.

Übung: Make a mess
Mach mit Deinem Kind etwas, das mit Chaos verbunden ist. Und danach stellt die Uhr und räumt gemeinsam auf.

Respekt

Wir lehren Kinder Höflichkeit und Respekt, indem wir ihnen diese Werte vorleben. Und nicht indem wir fordern „Sag bitte“, „Sag danke“. Wenn Kinder miterleben, dass wir den Verkäufer im Geschäft freundlich begrüßen, dass wir einem alten Menschen in der Straßenbahn den Platz überlassen oder indem wir respektvoll mit unserem Partner kommunizieren.
Wir sind als Eltern natürlich nicht perfekt und machen auch Fehler. Doch auch im Umgang mit diesen Fehlern lernen Kinder eine ganze Menge von uns.

Übung:
Zähle 5 Dinge auf, wie Du gerne von anderen behandelt werden möchtest:
z.B. Ich schätze es, wenn….(z.B. mich jemand im Gespräch ausreden lässt)
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Nun finde heute einen Weg, wie Du diese 5 Dinge für andere Menschen tun kannst.

Viel Spaß beim (Un-)Ordnen :-)!

Wenn Du Ideen für kreative Räume, Ordnungshelferleins,… teilen möchtest, dann schreibe doch bitte einen Kommentar!
Gerne darfst Du Deine Erfahrungen oder Herausforderungen mit diesem Thema teilen,

liebe Grüße
Melanie